Schreiben / Manifestiert / Gedanken / Des verworrenen / Kaiserreichs / In Zeiten / Der Flucht.


Blog von Holger Vos.

Samstag, 16. Januar 2021

"Teufelsauge" als TB und auf lovelybooks

Meine Novelle "Teufelsauge" ist ab sofort auch als TB erhältlich! Auf lovelybooks wurde die Geschichte um Jane Darkwood durchweg positiv bewertet :-)


Sonntag, 27. Dezember 2020

#Autor*innenImAdvent - "Ypern 1914"

Die folgende Geschichte erzählt Dr. Joseph Darkwoods Erlebnisse im Krieg, genauer an Weihnachten 1914 in Ypern. Darkwood ist einer der Hauptprotagonisten aus TEUFELSAUGE.


Ypern, 1914

Einen Tag und eine Nacht lang schon schweigen die Waffen. Überall in dem weit verzweigten Netz aus Schützengräben sitzen oder stehen die Soldaten in Gruppen zusammen, reden, rauchen, blicken in einen grauen Himmel, der sich über zerstörter Erde erstreckt. Joseph Darkwood sitzt in einem Unterstand. Er schreibt konzentriert, reiht sorgfältig Zeile unter Zeile auf ein auseinandergefaltetes Blatt Papier. Wie viele andere junge Männer auch, ist er siegesgewiss und mit der Überzeugung, dem Vereinigten Königreich damit dienen zu können, in diesen Krieg gezogen. Nun liegen sie, die Soldaten der British Expeditionary Force, in Flandern, nahe der Stadt Ypern, an der Front.

Schnell haben sie begriffen, dass die Hölle wahrhaftig existiert. Sie ist nichts Metaphysisches, kein jenseitiger Ort der Bestrafung für die Sünder und Ungläubigen, sondern das von Menschen geschaffene, wahnwitzige Grauen. Nichts hier ist ehrenhaft. Entweder man krepiert oder man überlebt noch eine Weile. Nichts ist gewiss. Die Tage sind ausgefüllt mit Angst, tosendem Lärm, Blut und Tod. Wie Maulwürfe haben sie sich in die Erde gegraben, Stacheldrahtverhaue angelegt, den Feind verflucht. Dessen Gräben liegen manchmal so dicht an den eigenen, dass man ihn sprechen hört.

Neben Darkwood zieht Stanley Timberfull an seiner Zigarette, die er von einem Deutschen bekommen hat, und blickt gedankenverloren über den Rand des Grabens hinweg, dorthin, wo es sicher ist. Er betrachtet den Kameraden, wie er seinen Brief schreibt, und lächelt.

„Seit gestern können wir wieder hoffen, dass es bald vorbei ist, oder?“

Darkwood nickt, hält dann inne und sieht den anderen an.

„Es muss bald aufhören. Die Jerrys haben das Abschlachten auch satt.“

Ein Soldat setzt sich zu ihnen. Sein Gesicht ist fahl und bestürzt, die Stirn liegt in Falten. Timberfull fragt ihn, was los sei, doch er antwortet nicht. Seine Arme sind blutig. Ohne die beiden anderen zu beachten, schreibt Darkwood eilig weiter und hat bald seinen Brief beendet. Er faltet das Papier zusammen und steckt es in seine Brusttasche.

„Ypern/Flandern, am Weihnachtsmorgen 1914. Ihr Lieben, ich wünsche euch ein friedliches, warmes Fest! Ich hoffe, dass ihr es genießen könnt. Und dass ihr an mich denkt. Während ich diese Zeilen schreibe, kehrt langsam mein Glaube an die Menschheit zurück. Der Mensch mag ein Tier sein, aber kein gänzlich verdorbenes, wie es scheint. Denn gestern hat sich etwas Wunderbares ereignet. Ich will euch davon berichten.

Wir standen und rannten in den Gräben, schossen, hörten die Schrapnelle über uns hinwegfliegen. Doch mit einem Male wurde es anders; ich brauchte etwas Zeit um zu begreifen, dass der Kriegslärm aufgehört hatte. Ein deutscher Soldat – wir nennen sie Jerrys – kam unbewaffnet aus dem Graben und ging auf uns zu. Er hielt eine Flasche mit Schnaps hoch und wünschte uns ‚Frohe Weihnachten‘! Einige von uns erwiderten den Gruß: ‚Merry Christmas, Jerry!‘ Bald tranken wir von ihrem Schnaps, sie von unserem Rum, und wir sangen Weihnachtslieder. Wir tauschten Geschenke aus, Zigaretten gingen um. Die Deutschen stellten unzählige Kerzen auf ihren Gräben auf, was sehr schon aussah. Wir zeigten uns gegenseitig Fotos von unseren Familien. Es wurde viel gelacht. Der Feind hatte ein menschliches Gesicht bekommen. Er wollte genauso gern lieber Zuhause sein als hier. Ich habe die Hoffnung, dass dieser irrsinnige Krieg schnell endet. Wer kann nun noch auf einen Mann schießen, der dessen Frau und Kinder gesehen hat? Wünscht uns Glück! Wenn ich nicht zu Unrecht hoffe, dann sehen wir uns bald wieder! Alles Liebe und Gute für euch! Joseph.“

Jetzt wendet sich Darkwood an den Kameraden:

„Was ist passiert, Derek?“

Als erwache er, blinzelt Derek Blankfeather ein paarmal und sieht dann Darkwood an.

„Ich will hier nicht sterben“, sagt er. „Etwas lauert hier, etwas Böses.“

Blankfeather sieht wieder in die Leere vor sich. Er scheint aber etwas zu sehen, das ihn zutiefst bestürzt. Etwas, das schlimmer ist als das alltägliche Gemetzel.

„Er … hat es am Ende doch nicht geschafft. Die Blutungen hatten aufgehört, und er konnte sprechen. Immer wieder hat er gesagt, dass ER hier sei, dass es kein Entkommen gebe, dass dies die Hölle sei. Er sprach mit weitem Blick vom bösen Tod, der sich hier von unseren Seelen nähren würde. Und als es dann zu Ende ging mit ihm, flüsterte er immer wieder ein Wort, das ich noch nie gehört habe…“

„Wahrscheinlich hatte er zu starke innere Verletzungen. Und kurz vor dem Tod ist es normal, dass man fantasiert“, erklärt Darkwood.

„Nein, bei ihm war es anders“, entgegnet der Soldat und sieht zuerst Darkwood, dann Timberfull, mit angstgeweitetem Blick an. „Ihr hättet sein Gesicht sehen müssen.“

„Was für ein Wort hat er denn immer wieder gesagt?“, fragt Timberfull.

„Marog, immer wieder sagte er Marog.“

„Nie gehört.“

„Seit gestern bin ich mir sicher, Derek“, sagt Darkwood und klopft ihm aufmunternd auf die Schulter, „dass wir hier rauskommen und bald wieder nach Hause gehen können.“

Blankfeather erwidert nichts.

Einige Tage später – dem gemeinsamen Singen, Trinken und Beschenken zum Trotz ist das Abschlachten weitergegangen – erkennt Darkwood, dass seine Hoffnung unberechtigt, dass sein Vertrauen in die Menschheit haltlos war.

(c) HV (10/2020)

Sonntag, 22. November 2020

Buchtrailer zu "Teufelsauge"

 

(c) Holger Vos/Alea Libris

(c) Cover: Viktoria Lubomski

Münchhausen-Anthologie mit neuen Geschichten

Ein äußerst deprimierter Baron Münchhausen erzählt dem Bruder seiner jungen Verlobten und dessen Freund, die eine Hochzeit feiern, von seinen jüngsten Erlebnissen.

Diese neue Münchhausen-Geschichte heißt "Auf dem Mond oder: Wie ich um die Welt spielte" und ist neben weiteren 16 Texten in einer ansehnlichen Münchhausen-Anthologie ("Der Baron", Edition Groschengrab) erschienen.




Freitag, 2. Oktober 2020

Gesprächskreis für Autor*innen :-)

Ein Sitzkreis, in welchem die Stühle in einem ausreichenden, der Krise geschuldeten Abstand zueinander aufgestellt wurden. Der Raum ist mit dunklem Holz vertäfelt. Menschen sitzen hier, die scheinbar keinerlei Gemeinsamkeit aufweisen. Eine Frau steht auf, lächelt und setzt ihre Maske auf. Sie geht auf einen ergrauten Mann zu. Es ist schwer zu schätzen, wie alt er ist. Die Frau reicht ihm einen Stein. Der Mann fragt sich, ob er desinfiziert wurde. Dann nimmt er ihn, seufzt leise und murmelt dann:

„Also gut…“

Er reckt das Kinn und spricht mit deutlicher Stimme in die Runde:

„Hallo zusammen, mein Name ist Holger und …“, er hält kurz inne, zögernd, sich dann überwindend, als ob er einen Schmerz ertragen müsste, „ich schreibe.“

Die Anwesenden schauen ihn betroffen an, nicken wissend. Der Ergraute fährt fort:

„Es fing im späten Jugendalter an, an der Schwelle zum Erwachsensein, als es darum ging, sich auf die eigenen Beine zu stellen. Mein Umfeld reagierte befremdet, als ich es bevorzugte zu lesen, zu studieren und zu schreiben, anstatt einer ‚richtigen, ehrlichen Arbeit‘, wie sie es nannten, nachzugehen. Gern hätte ich dem entsprochen. Aber es funktionierte nicht. Gedichte entstanden, kurze Geschichten, ich vertiefte mich in erzählte Welten. Ich versuchte aufzuhören, lenkte mich mit Sport ab, mit viel Sport. Und zeitweise schien es, als ob ich aufhören könnte. So brachte ich einige Jahre kaum etwas zu Papier. – Aber wir wissen ja alle, dass man nicht einfach aufhören kann, wenn man einmal damit begonnen hat, oder?“

Der Mann erntet Zustimmung in Form mitfühlender Blicke.

„Etwas fehlt im Leben, wenn ich nicht schreibe. Schreiben ist für mich die beste Möglichkeit, mich auszudrücken. Mir die Welt zu erklären. Dies verbunden mit der eitlen Hoffnung, ein paar Gedanken, die ich hervorbrachte, mögen meinen Tod etwas überdauern. Dies wurde mir vor einigen Jahren klar, als ich einer Operation entgegensah. Ich fragte mich, was von mir bliebe, falls ich nicht mehr aufwachte. Seither schreibe ich und habe mich damit abgefunden. Es ist anstrengend und erfüllt meine Freizeit mit Arbeit, aber ich kann und will es nicht anders.“

Der Ergraute steht auf und gibt der Frau den Stein zurück.

„Vielen Dank“, sagt sie freundlich, sichtbar mitfühlend, und blickt aufmunternd in die Runde. „Wer möchte jetzt?“

(c) H. Vos

Samstag, 5. September 2020

Buchgeburtstag!

Bald schon ist meine erste eigenständige Veröffentlichung - die Sammlung DAS DUNKEL IST NICHT LEER - ein Jahr alt. Zu diesem Einjährigen hat sich der Verlag Alea Libris etwas Schönes ausgedacht, nämlich eine Buchbox, welche die Hardcoverausgabe sowie einige Goodies enthält. - Wer da draußen mein Buch noch nicht kennt und Interesse hat, die*der darf gerne bei diesem limitierten Angebot zuschlagen!


 

Bald: TEUFELSAUGE

Im Oktober kommt meine Briefnovelle heraus. Sie geht der Frage nach dem Ursprung vom Bösen nach. - Das Bild stammt von Anke Vos.



Zwei Frauen, ein Falke

"Das bunte Volk hört einen Falkenschrei. Das Tier schnellt durch den Himmel, im Blauen oberhalb der Stadt. Es wird sich hier schon bald...