Schreiben

Schreiben / Manifestiert/ Gedanken / Des verworrenen / Kaiserreichs / In Zeiten / Der Flucht.


Blog von Holger Vos.

Montag, 25. Februar 2019

Elbenwinter


Elbenwinter

Das war der letzte der Wälder,
in welchem sie wandelten.
Abschiedsflimmern erfüllte
seine Lüfte.
Nebelbänder zogen träge
um Nadeln, Äste und Stämme.
Und Sprache des Vergehens drang
durch die Waldessphäre:
sterbende Worte, gesprochen
von gefallenen Blättern,
legten sich nieder auf die Erde
und wurden Eis.

Frostige Stacheln glichen
Türmen an den dünnen Ästen,
sich aufbauend in die hüllende Kälte.
Schneekristalle rieselten,
schmückten graubraunes Blatt,
Nebel und immergrüne Nadel.
Des Einen ewig Sang,
das Tosen von Wassern,
war hier verstummt,
und kalt und klar standen Wasserfälle.
Starr und hell erstarkte
die winterliche Schönheit
im fahlen Schein der fernen Sonne:
hier war sie monden nahezu.

Und weinend war der Wald
ob des Wandels der Welt.

Hoher Schnee lag auf eisig Erde
und frierend Gras, um alte Rinden,
und auf einer Lichtung,
umrundet vom alten Wald, standen sie –
im letzten Sonnenschein.
Und die Schritte dieser, die nun gingen,
versanken nicht im tiefen Weiß,
waren unsichtbar,
unhörbar und im Vergessen.
Voller Trauer und Vergehen waren sie,
wie Blätter, entzweit mit nährend Wurzeln;
wie der aufgehende Mond,
des einst’gen Lichtes letztes Blatt,
waren nun fern sie von ihrem Heim,
und wie jenes,
so weinten auch sie.

Unter hölzernen Säulen schritten sie,
in waldener Halle,
graubraunes Zwielicht umfing
alles Eisgeschmückte,
und durch die Vergehenden drang es
wie ein durchschauender Blick.
Eine blieb und gab das Licht zurück,
war blauweiß und strahlend.
Mit ihr war er,
unter ihnen fiel tief das Eis,
und sie hielten sich,
sahen sich in Augen
voller Wasser, Tiefe und Milde;
Liebe gebend,
Abschied seiend,
Sehnsucht werdend,
und Nebel umschloss sie.

Zeit und Ferne zerrten an ihm;
sein Mantel flatterte im Wind
gen Westen, zog seine Schritte
von steinerner Brücke,
löste seine Hand von ihrer.
Doch ihr Gewand hing still herab;
der Wind zerrte an ihr nicht,
wissend, dass sie blieb.
Sterne aus Schnee und Eis
fielen in ihr Haar,
bewahrt vom fahlen, kalten Mond.
Sie war die letzte ihres Volkes,
die wurzelte im Waldesboden,
die sang wie Lerche und Nachtigall,
die tanzte wie Regen und Blatt.
Der zuvor umgebende Nebel
sank nun zwischen diese beiden.
Ihrer beider Liebe war es,
die sie einst verbunden.

Wurzellos schied er nun vom Wald,
wie all’ die Anderen seiner Art.
Ihr Schauen hing lange an ihm,
durchdrang den Nebel,
doch bald war sein Licht vergangen,
wie Zwielicht vom Schwarz verdrängt.
In der Mitte der Nacht sangen sie,
und ihre Stimmen waren voller Ende:

O Flut der mächt’gen
Erdenstrahlen,
missen werden wir
deine Lichter,
geschaffen von Baum,
von Erd’ und Schnee.
Wandelnd waren wir
in grüner Welt,
priesen deinen Glanz;
nun kommt die Zeit,
dich zu verlassen,
da Schwärze droht.
Unser Gang beschert
uns ew’ges Glück,
doch stets schmerzt der
Trauer tiefer Stich
in den Herzen,
da wir geschwunden.

Sie blieb in waldener Winternacht,
und diamantengleich wurden ihre Tränen
im kalten Weiß.
Ihr Denken schuf Trauer und Zweifel
im Angesicht der Einsamkeit,
die nun ewig sie begleiten würde:
Hatte sie Recht getan, indem sie blieb?
Es musste so sein, sprach sie sich zu,
sie, der Elben letztes Mädchen,
musste wachen und schützen
über Baum und Blatt und Tier.
Und kein Bild hatte sie vom Ungewissen,
dem die Schwindenden entgegen gingen,
und auch deshalb blieb sie
Teil des Waldes.

Feiner, glitzernder Schnee fiel hernieder
von den Tannen auf die Schwindenden,
einem göttlichen Segen gleich.
Und als die Abschiedsnacht vergangen war,
kamen mit dem neuen Morgen jene,
die laut und dumpf Schreitenden.
Gier und Besitztum blitzten in ihren Augen;
mit Neid erschauten sie
die winterliche Schönheit und Erhabenheit.
Ihre Hände brachen Eisäste,
ihr Blut sank in den Schnee.
Aus der Ferne – von Welt zu Welt –
sah sie die Frevelnden in ihrem Walde,
und sie verbarg sich im Gewand
aus Schnee und Eis und Baum,
sehnte leise die Geschwundenen herbei.

Doch sie kehrten nicht wieder in die Welt,
und im langen, kargen Elbenwinter
brach die Schwärze Licht und Baum.

...ein älteres Gedicht aus 2003, überarbeitet 2015.

Sonntag, 13. Januar 2019

Rückblick 2018


Was mein Schreiben angeht, so kann ich durchaus zufrieden auf das Jahr 2018 zurückblicken. So wurden ein paar meiner Texte in Anthologien untergebracht: „Der Finstere“ (IF, Whitetrain), „Elia“ und „Schwarz, grün, rot“ in der Sci-fi- bzw. Fantasy-Anthologie vom Drachenstern-Verlag sowie, und das freute mich besonders, „Nur zwei Dinge“ in der Geschichtensammlung zu Thor und Odin beim Wölfchen-Verlag. Die Kurzgeschichte „Gardinen“ wurde zum zweiten Mal veröffentlicht, und zwar bei JustTales. Ein Gedicht wurde in der Lyrik-Anthologie „Gefangensein“ vom muc-Verlag veröffentlicht. 


Dann war die Arbeit an meiner Textsammlung „Das Dunkel ist nicht leer“ ein großes Thema im vergangenen Jahr. Wenn alles gut geht, soll sie demnächst bei Alea Libris erscheinen. 


Samstag, 5. Januar 2019

Eines meiner "Panther-Gedichte" in Anthologie

Das Gedicht "Eine Frau", formal erinnernd an Rilkes Klassiker, dessen Originalfassung unlängst in Kalifornien verbrannte, erschien im Gedichtband "Gefangensein - drinnen und draußen". Daneben ein Bild von Anke Vos mit dem Titel "gedankenzerfressen". Beide Werke passen gut zueinander. Einziges Manko: Sowohl Lektor als auch ich haben einen Fehler übersehen... :-(
So liest man nicht "Pflichten im Gewissen aufgereiht", sondern "Plichten". Ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern.


Donnerstag, 27. Dezember 2018

Zu Kehlmanns "Du hättest gehen sollen"


Rezension zu „Du hättest gehen sollen“ von D. Kehlmann
Ich las die Erzählung am 16. und 17. Januar 2017.

Zum Inhalt:
In Daniel Kehlmanns (gleich vorweg: in doppeltem Wortsinn) phantastischer Erzählung „Du hättest gehen sollen“ geht es um einen Drehbuchautoren, der mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter einige Tage in einem einsam gelegenen Ferienhaus in den Bergen verbringt. Nach und nach passieren merkwürdige Dinge im Haus, welche seine bisherigen Erfahrungen über die Welt in Frage stellen, und am Ende hat ihn der unheimliche Sog des Hauses gefangen genommen.
Der Ich-Erzähler steht unter Zeitdruck, da er das Drehbuch für den zweiten Teil seiner erfolgreichen Komödie abliefern soll. Zudem gibt es immer wieder Streit mit seiner Frau Susanna, die häufig mit ihrem Telefon Nachrichten schreibt. Die gemeinsame Tochter Esther fordert die Aufmerksamkeit des Vaters ein, der häufig abwesend und gereizt reagiert. Mit der Zeit beginnen dem Drehbuchautor eigenartige Dinge aufzufallen: So zweifelt er an seiner Wahrnehmung, als er plötzlich sein Spiegelbild abends im Fenster nicht mehr sieht, das Notizbuch und den Schreibtisch jedoch schon. Einmal fährt er hinunter ins Dorf, um einzukaufen. Der wortkarge, Dialekt sprechende Verkäufer, den er nicht durchgängig versteht, fragt ihn, ob bereits etwas im Haus passiert sei; auf die Frage, was er damit meine, schweigt er. Eine weitere Kundin sagt ihm, er solle das Ferienhaus verlassen. Doch die Familie bleibt.
Der Ich-Erzähler schreibt neben Ideen für sein Drehbuch zunehmend Beobachtungen zum merkwürdigen Geschehen im Haus sowie zur belastenden Familiensituation auf. Auch liest er nach, was er bisher geschrieben hat, und er findet Worte, die er nicht geschrieben hat und ihn nachdrücklich auffordern wegzugehen.
Weil er den Vermieter des Hauses anrufen will und sich die Telefonnummer im Handy seiner Frau befindet, greift er zu ihrem Telefon und stößt auf Nachrichten seiner Frau, die darauf hinweisen, dass sie ein Verhältnis mit einem Mann namens Daniel hat. Er spricht sie darauf an, das Ehepaar streitet sich, der Streit eskaliert und Susanna fährt mit dem gemeinsamen Wagen davon, während die Tochter schläft. Nun spitzt sich die Situation im Haus zu: Bilder tauchen auf und verschwinden wieder, er sieht schemenhafte Silhouetten vor dem Fenster, sieht per Kamera des Babyfons Menschen im Raum, wo Esther schläft, er hört Geräusche und Schreie. Er holt seine Tochter zu sich ins Wohnzimmer und schließt sich mit ihr ein.
Abends versucht er mit Esther hinunter ins Tal zu flüchten. Sie gehen stundenlang und kommen schließlich zu einem Haus, welches sich als das herausstellt, das sie hatten verlassen wollen.
Weitere Wahrnehmungen, die er sich nicht erklären kann, schließen sich an, und der Ich-Erzähler sinnt über das Universum nach und Überlegungen von Astronomen, die davon ausgehen, dass es zahllose Universen geben könne, die alle ihre eigenen Gesetze haben und voneinander getrennt existieren. Manchmal, überlegt er, könne es Schwachstellen und Übergänge geben, wobei das Haus ein solcher Übergang sein könne. All das bleibt Spekulation.
Susanna kommt wieder hergefahren. Sie will einen Neuanfang und beteuert, dass der andere Mann ihr nichts bedeute. Er jedoch verfolgt nur noch das Ziel, Ester vom Haus wegzubringen; er selbst, so ahnt er, ist bereits zu stark vom Sog des Hauses eingenommen, dass er bleiben muss. Er setzt seine Tochter ins Auto und drängt seine Frau, wegzufahren. In seinen Notizen gibt es den Hinweis, dass sie es geschafft haben. Das Notizbuch, und ebenso die Erzählung, enden mit einem unvollständigen Satz, der darauf hinweist, dass der Ich-Erzähler nun endgültig aus der Welt entrückt und im Haus, wie all die anderen Menschen, die er zunehmend gesehen hat, gefangen ist.

Bewertung:
Daniel Kehlmann gelingt es mit dieser kurzen Erzählung (etwa 90 Seiten), eine spannungsvolle, beklemmende Atmosphäre zu schaffen, wofür andere Autoren Hunderte von Seiten benötigen. Das Ineinandergreifen von familiären Zwistigkeiten, beruflichem Stress und der phantastischen Komponente gelingt absolut überzeugend. Ebenso passen Inhalt und sprachliche Form perfekt zusammen: Der Leser hat gleichsam das Notizbuch des Drehbuchautors in Händen und vollzieht die Geschehnisse aus dessen Perspektive nach. Nicht vollendete Sätze und vage Andeutungen erzeugen eine Ratlosigkeit, die der Ich-Erzähler fühlt. Nicht zuletzt handelt die Erzählung vom Scheitern des Konzepts Familie, von der zwischenmenschlichen Entfremdung bzw. Isolation und dem Einfluss einer zunehmend menschenfeindlichen Umwelt diesbezüglich. Ich musste beim Lesen mehrfach an Marlen Haushofers „Die Wand“ denken.
Eine klare Lese-Empfehlung für „Du hättest gehen sollen“!

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Weltdeutung im "Silmarillion"

Das Werk J. R. R. Tolkiens, auf das im "Herrn der Ringe" immer mal wieder Bezug genommen wird, heißt "Silmarillion" und handelt vom Ersten und vom Zweiten Zeitalter Mittelerdes. Zu diesem Text habe ich meine Examensarbeit verfasst, die bei Amazon folgendermaßen beschrieben wird:

"Das Werk von J. R. R. Tolkien erfreut sich durch die Verfilmung des Herrn der Ringe von Peter Jackson (wieder) größter Beliebtheit. Nicht zuletzt fasziniert der Herr der Ringe deshalb die Leserschaft, weil bei der Lektüre der Eindruck von Echtheit entsteht, von einer wahrhaft existierenden Welt, in der das Gute gegen das Böse kämpft und jedes Geschöpf ihren Platz in der Geschichte hat. Einen bedeutenden Anteil an diesem Effekt hat Tolkiens älteres und gleichzeitig unbekannteres Werk: das Silmarillion. Es handelt von Zeiten, auf die im Herrn der Ringe des Öfteren Bezug genommen wird.
In diesem Buch wird das Silmarillion in den Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Betrachtung gestellt und gefragt: Inwieweit besitzt dieses Werk Tolkiens eine eigene Faszination, eventuell mit einer Weltdeutung, die von jener im Herrn der Ringe abweicht?
Nach einer Einführung in die Thematik widmet sich der Autor Holger Vos einer akribischen Studie des silmarillischen Text-Systems, um Beziehungen zu Bezugstexten (altnordische Mythen, Der kleine Hobbit, Der Herr der Ringe) zu ermitteln und anschließend Funktionen des Silmarillions für Tolkien selbst sowie für die Leser abzuleiten.
Eine systematische Gliederung und zahlreiche Zitate in der Originalsprache des jeweiligen Werkes ermöglichen ein gutes Nachvollziehen der Untersuchung und regen eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema an."

Hier der Link. 
Das Titelbild stammt von Anke Vos.

Sonntag, 30. September 2018

Elia

...und da ist sie, die Anthologie "Sternenflammen" vom Drachenstern-Verlag!


Meine Geschichte "Elia" ist neben anderen Stories mit vertreten. Hier zwei kleine Auszüge:

"Wir müssen schwärmen. Von Luna aus kann man die Menschheit auf der Erdoberfläche geradezu summen hören. Siebzehn Milliarden. Der Stock ist hoffnungslos überfüllt, verwunderlich ist, dass er noch nicht zerborsten ist. Wir sind ein Schiff von vielen, jedes auf dem Weg zu einem anderen Planeten, der uns das Über-/Weiterleben ermöglichen könnte. Ich hoffe, wenigstens eines der Neo-Schiffe hat Erfolg. Ich hoffe, wir werden eines davon sein."

"Gliese-917b/Neo-Seven, 19. Tag/Jahr 2768; Logdatei K.I.M.

Status: Allg. Systemcheck: ok; Geschwindigkeit: 0 km/s; Zieldistanz: 0 Lichtjahre. Missionsstatus: unklar."


Sonntag, 2. September 2018

Schwarz, grün, rot

In der zweiten Fantasy-Anthologie des Drachenstern-Verlags ("Schattenflammen") ist die Geschichte "Schwarz, grün, rot" von mir erschienen. Hier kann man das Buch ordern.


Ich freue mich auf die Sci-Fi-Anthologie "Sternenflammen", in der ich auch vertreten sein werde :-)